»Snowdrops and daffodils...«

Nachricht Lister Matthäuskirche, 06. September 2026

Predigt im Gottesdienst [Playlist:leben]

Ach, ist das nicht herrlich leicht und locker?
Vielleicht sogar seicht?

Snowdrops and daffodils,
butterflies and bees
Sailboats and fishermen,
things of the sea…

(Dana, ESC-Gewinnerin 1970)

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(Der oben stehende externe Link führt zur kostenlosen Spotify-Wiedergabe eines Ausschnitts des aktuellen [Playlist:leben]-Titelsongs. Das Lied "All Kinds of everything" von Dana, ESC-Gewinnerin 1970, wird zu Beginn der Predigt zitiert.)

Ganz ehrlich: wenn jemand aus dem Playlist-Team das einfach so in unserer Gruppe gedroppt hätte als Titellied für den nächsten Gottesdienst … ich weiß nicht, wie ernst ich’s genommen hätte. Aber es war da. Und das kma so:

Wir trafen uns im Juni und mir begegnete ein massiver Wunsch: »Lass uns bitte mal nicht solch einen bedeutungsschweren Playlist-Gottesdienst machen. Nicht immer nur Probleme wälzen. Nicht immer nur Depri und Schwere…«   —   Ich wusste gar nicht, wovon die sprachen. Was war denn an TOXIC schwer ? Oder SEHNSUCHT ?! Oder TROTZ !? Naja also … (Ehrlich gesagt: ich kam ziemlich ins Rudern…) Und überhaupt, braucht es nicht irgendwie auch eine gewisse Schwere, damit man den Boden berührt und voran kommt? (Schönes Gedankenspiel, oder?) Jedenfalls kamen wir so auf Sommer–Sonne–Leichtigkeit. Das waren die Tage kurz vor der ersten Hitzewelle… UNd auf einmal war's da.

Snowdrops and daffodils,
butterflies and bees
Sailboats and fishermen,
things of the sea

Wie geht das, wie kann das Leben leicht werden im beste Sinne? Wie kann ich das Schwere einen Moment lang hinter mir lassen?  —  Denn ich will ja nicht verleugnen, dass es das auch gibt. Ich will mir ja nichts vormachen.  —  Aber vielleicht ist ja auch etwas dran: dass der Weg voran gar nicht immer durchs Dornengestrüpp führt. Jesus mahnt seine Jünger einmal, nicht die Sorgen in den Mittelpunkt zu stellen: Macht euch keine Sogren um euer Leben, was ihr essen und was ihr trinken sollt. Oder um euren Körper, was ihr anziehen sollt. (Matthäus 5,25)
Und dann fängt er eigentlich fast an, ein Lied zu singen, hört Ihr's?

Seht euch die Vögel an,
säen und ernten nicht,
sammeln keine Vorräte,
doch finden ihr Gericht …

So ähnlich jedenfalls. [Dieser Reim wurde hergestellt mit Hilfe von ChatGPT – ich glaube, ich bin verpflichtet, das zu sagen ;-) —  Und Jesus erzählt von Wiesenblumen, die wachsen ohne zu arbeiten. Und er fragt: Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine Stunde verlängern…!? (Matthäus 5,27)

Wie gesagt: Es geht nicht darum, das Üble wegzuleugnen:
In Sachsen-Anhalt ist heute Wahl und es steht viel auf dem Spiel. Und es ist nicht so, dass wir einfach die Hände in den Schoß legen könnten und abwarten sollten, gewiss nicht.
Wer von Kummer überwältigt ist, der kann nicht so tun, als sei das nicht real. Kummer zieht und zerrt am Herzen und das ist die Wirklichkeit: Das wirkt ganz unmittelbar in einem jeden Leben.
Wer Angst vor Morgen hat, will nicht hören: halb so wild. Denn in ihm tobt ja ein Sturm.

Also: Wie können Sommer–Sonne–Leichtigkeit und ein guter und realistischer Blick in die Welt zusammenkommen?

Ich war noch am Argumentieren bei jenem Vorbereitungstreffen mit dem Playlist-Team und plötzlich stand da ein Gedanke vor mir:  Schemenhaft stand das der Text eines der beliebtesten Kirchenlieder vor meinem inneren Auge. Gedichtet von Paul Gerhard. Jenem Theologen, der den 30jährigen Krieg von Anfang bis Ende erlebt hat. Elf war er, als es los ging; 41 als Frieden geschlossen wurde. Seine Geburtsstadt stand in Ruinen; die Auswirkungen der Pest hatte er mit eigenen Augen gesehen. Das war kein Leichtfüßler…! Und dann dichtet er. Ein Lied mit 15 Strophen und das geht:

Geh aus, mein Herz,
und suche Freud,
in dieser Lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben…

Die Bäume stehe voller Laub,
das Erreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide…

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus siener Kluft
und macht sich in die Wälder.
Die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder,
Berg, Hügel, Tal und Felder.

 

Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus.
Das Schwälblein speist die Jungen…

Die Bächlein rauschen in dem Sand…

Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her,
sucht hier und da,
ihr edle Honigspeise…

Ganz ehrlich…? Well … then ...
»Snowdrops and daffodils, butterflies and bees...!«

Sollte so sein, dass ich lernen sollte, der Schwere des Tages etwas Leichtes an die Seite zu stellen? Zumindest dann, wenn das nicht dummen Hirngespinsten entspringt !? Die Bienenschar, die Schwalben, die Glucke; die Lerche, die Nachtigall und die Bäume … all ist ja reale Kulisse meines Lebens. Das ist ja nicht nichts!  —  Und wäre es nicht gut, das Schöne sehen zu lernen, damit ich Kraft tanken kann, dem Bösen zu begegnen !? Und wenn damit mit einem Eis am Stiel in der Kirche gelingt — warum denn nicht ?!

Ich hörte vor einigen Wochen den Podcast „Alles gesagt“ von der ZEIT. Interview mit Maren Kroymann. Schauspielerin, Comedian, Feministin, eine kluge Frau. Und sie wird gefragt: Was eigentlich Glück sei. Und sie sagt, sie denkt, dass die Grundvoraussetzung um glücklich zu sein, die ist, dass man merkt, wenn »etwas schön ist« (DIE ZEIT, Alles gesagt vom 30.07.2026, bei 3:12:08). Was für ein sonniger, sommerlicher, leichter Gedanke mit Tiefgang! Paul Gerhard hätte gejubelt und darüber hätte sich bestimmt sogar Maren Kroymann gefreut, die gar nicht kirchlich ist: Wenn etwas schön ist, dann sieh hin, dann atme es tief ein, dann sammle Kraft. Wenn ich draußen das Treiben der Jugendlichen sehe. Den Stolz bei Kiste 17 im Kistenstapel-Dom. Das Roller-Blade-Tanzen in der Kirche. Dann sehe ich hin und tanke Kraft für morgen. Oder schon für heute Abend, 18 Uhr, wenn die Hochrechnungen kommen...

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen.

Mit allen Sinnen wahrnehmen, was schön ist!

Ich singe mit, wenn alles singt,
ich lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

So geht's weiter bei Paul Gerhard: Es liegt Sinn darin, das Schöne zu genießen. Kraft zu tanken.

Es gibt einen Grund, weshalb Jesus seinen Freundinnen und Freunden rät, die Sorgen nicht regieren zu lassen. Das ist der Kontext jener Rede von den Sorgen und den Blumen und den Vögeln, die Jesus in der Bergpreigt anstimmt: Er sagt, du kannst nur einem Herrn dienen. Das ist der zentrale Satz. Und wenn du verlernst, wie du beschenkt wirst Tag für Tag  —  neben all der Schwere. Wenn du verlernst, das zu erkennen, dann fehlt dir im entscheidenden Moment der Draht. Dann sitzt du im entscheidenden Moment da.  —  Vielleicht die Hände gefaltet.  —  Und weißt nicht mehr, wie das geht: vertrauen.

Gott, ich bin nicht besser all die anderen.
Ich rühre und tue und drehe mich,
aber zugleich irre ich und übersehe dich.
Deshalb lass mich und all die anderen inne halten,
aufatmen,
sehen,
was schön ist,
Worte formen für mein dankbares Herz.
Schenk uns Inseln der Leichtigkeit.
Sonne und Singen.
Treiben und Tanz.
Und Vertrauen in dich, mein Schöpfer.

AMEN.

Pastor Marco Müller