Was ist das letzte gewesen, das Ihr heute Morgen zu Hause noch gemacht habt, liebe Konfis? Vielleicht tickt ihr ähnlich wie ich: War's ein kurzer Blick in den Spiegel?
Sitzen die Haare und der Anzug? Ist der Lippenstift auch nicht verschmiert? Hält die Hochsteckfrisur?
Ich bin mir sicher zu wissen, was der Spiegel bei euch auf dem Flur geantwortet hat! — Ganz individuell:
„Luna*, die bist die Schönste im ganzen Land.“ Und: „Peter*, du bist der Schönste im ganzen Land.“ Und: „Charleen* und Flora* und Tobi* und Lars*… echt, ihr seid die Schönsten im ganzen Land!“ [*Die Namen wurden geändert.]
Wir Erwachsenen können uns gar nicht vorstellen, dass Euer Spiegel etwas anders gesagt haben könnte. Aber vielleicht doch? — Schließlich ist das so eine Sache mit dem Spiegelbild! Milena sagte mir neulich (und sie ist ja viel näher dran; sie muss das ja noch wissen):
„Als Jugendliche gehst Du nicht gern vor den Spiegel.“
Das ist ähnlich wie das Hören der eigenen Stimme…
„Als Jugendlicher gehst du nur zum Spiegel um zu checken, ob alles noch sitzt…“ Und vielleicht ist da was dran.
Wollt Ihr kurz checken?
[Ein Bollerwagen mit einem großen Aufbau wird vom Rand her vor die erste Stuhlreihe gezogen und bleibt dirket vor einem Konfi stehen. Der Aufbau ist mit einem Tuch abgehängt. Als der Wagen dirket vor einem Konfi steht, wird das Geheimnis gelüftet. Unter dem Tuch kommt ein großer Spiegel mit Goldrand zum Vorschein. Ein Konfirmand schaut direkt auf sein Spiegelbild...]
Ich könnte mir vorstellen, dass da was dran ist. Nach unserer Probe hier am Dienstag fand ich zum Beispiel diesen Lipliner. Hab ich extra angespitzt. Mag wer…?
Ach sorry … ich fahr den mal weg …
[Bollerwagen wird ein Stück weiter gezogen, ein anderer sieht sich nun lebensgroß im Spiegel.]
Also mit Spiegeln ist es schwierig. Ich werde nie vergessen, wie ich seinerzeit in der Fußgängerzone meiner Stadt entsetzt feststellte, wie ich mich in den Schaufenstern spiegelte. Jeden Schritt!
Soll ich nochmal weiter…?
[Wieder wird der Wagen bewegt.]
Ich fand meinen Schritt zu plump. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Armen. Ich mochte meine Proportionen nicht: Arme, Beine, Oberschenkel… Und die Nase…! Spiegel können gemein sein.
Könnte mal jemand mit anfassen?
[Zu zweit wird der Bollerwagen mit dem irritierenden Spiegel in den Altarraum gehoben und bleibt weit weg genug von allen stehen, so dass man nicht mehr konfrontiert wird mit dfem eigenen Spiegelbild.]
[Spiegelbild — so richtig viel erkenn' ich nicht]
Das mit dem Spiegelbild ist so eine Sache. Es zeigt einem, wie man uns von außen sieht. Und das ist nicht immer charmant. Im Märchen geht es weiter:
„O Frau Königin, ihr seid die Schönste hier … Aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, die ist tausendmal schöner als ihr.“
...ja danke, so genau wollte ich es gar nicht wissen…!
Hinter der Wendung des Märchens steckt tiefe Wahrheit: Was wirklich in dir ist, das verdeckt der Spiegel. Er zeigt nicht die ganze Person. Es gibt so viel mehr Schönheit, als er zeigen kann!
Eure Eltern sehen die, wenn sie euch anschauen, glaubt mir. Eure Freunde erkennen wieder anderes.
Und liebende Menschen schauen noch einmal tiefer. Ihr fangt an, eine Ahnung davon zu entwickeln in eurem Alter…
Und vor allem AHNT Ihr, wie wichtig das ist, hinter den Spiegel zu schauen; durch das Grau des Spiegels hindurchzuschauen.
Wisst ihr, was der häufigste Konfirmationsspruch eures Jahrgangs ist? — (Nicht Psalm 23,1, „Der Herr ist mein Hirte“, den hat niemand gewählt…) 1. Samuel 16,7: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der HERR aber sieht das Herz an.“ Zeigt sich da eine AHNUNG davon, dass das, was wir im Spiegel sehen, nicht ausreicht?
Wir erkennen vieles nicht oder nur halb. Es bleiben so viele Fragen offen. Oder die Antworten düster. Nicht nur in Sachen Styling und Charakter:
Wenn ich in die Welt schaue, ist das, was ich sehe alles andere als „klar“. Geht’s euch auch so? So viele Fragen! Was ist gut? Was ist richtig? Tiimmy, den Wal, sterben lassen? … Oder an ihm herumschaufeln, um ihn retten. Seine einzige Hoffnung ? — Die Ukraine weiter unterstützen und Grenzen setzen, eines Tages zum Wehrdienst gehen? … oder nachgeben und zurückziehen und so tun als wäre das Frieden? — An Gott glauben, weil das Halt gibt und weil ich spüre, ich will und kann nicht ohne … oder das Bild einer zerrissenen Welt, die von KI erobert wird, doch nun wirklich sagt, das mit Gott habe sich erledigt…?
Ich bekomme eine AHNUNG, dass das, was wir „im Spiegel sehen“ oder was wir auf den ersten Blick in der Welt sehen, nicht ausreicht. Und ich bin nicht der erste!
Paulus schreibt im Brief an die Gemeinde in Korinth:
„Wir sehen jetzt nur ein rätselhaftes Spiegelbild,
dann aber werden wir sehen von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke.
Aber dann werde ich vollständig erkennen —
so wie Gott mich schon jetzt erkennt.“
Mir hilft es, zu glauben, dass EINER weiter sehen kann als ich. Gestern Abend im Psalm: HERR, du kennst mich. Egal, ob ich sitze oder steh – du verstehst all meine Gedanken…“ In diesen Worten liegt Hoffnung. Und die Botschaft, von der ihr im letzten Jahr gehört habt, sagt: Es gibt diesen Einen. Und er will nicht fremd und weit weg sein, sondern bei dir. In deinem Herzen.
[...und das Bild ist vergiftet !]
Es gibt ein zweites Märchen, in dem es um einen Spiegel geht. Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin:
Es war ein böser Zauberer, einer der allerärgsten, es war der Teufel selbst! Eines Tages war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, der die Eigenschaft besaß, dass alles Gute und Schöne, das sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand. Aber was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, das trat hervor und wurde noch böser. Die besten Menschen wurden darin widerlich und verzerrt. […] Und so warf er ein übles Bild davon, wie die Menschen und die Welt wirklich aussehen…“
Im Märchen fällt dieser Spiegel eines Tages auf die Erde. Er zerspringt in 100 Millionen Teile und diese Splitter setzen sich in den Herzen der Menschen fest.
Und sie verwandeln die Herzen, dass sie nicht mehr recht sehen können:
Da sind Splitter des Neides: Wow, der hat 1000 Euro zur Konfirmation bekommen. Ich nur 800. Und dessen Vater fährt mit ihm in die Berge. Und meiner hat gar keine Zeit. — Da sind Splitter des Stolzes, die lassen nach unten treten, um hoch hinauszukommen: Warte ich mach noch n Selfie … ich bin so viel geiler als die Mädels mit ihren dünnen Lippen und flachen Schuhen. — Da sind die Splitter der Unwahrheit, die dafür sorgen, dass wir uns heillos verstricken.
Auch wenn es nur ein Märchen ist: Unser Lebens-geschichten haben ja wirklich nicht nur glänzende Seiten. Es gibt auch die dunklen.
Es wäre dumm, sie zu leugnen.
In Oese im Februar und auch gestern Abend habt Ihr es erlebt: Bei Christinnen und Christen dürfen die dunklen Seiten zur Sprache kommen, dürfen benannt werden. Und trotzdem ist der Abendmahlstisch gedeckt! Trotzdem setzt Jesus sich mit ihnen an einen Tisch. Man könnte mit den Worten dieses Märchens sagen:
Trotz all der Spiegelsplitter, die für so viel Unruhe und Böses sorgen, sagt Christus: Komm her, setz dich zu mir. Du hast einen Platz an diesem Tisch. Immer!
[Die Splitter im Kreuz gesammelt]
Es ist so, als hätte Jesus all die Splitter gebändigt.
Als hätte er sie eingesammelt. Oder zumindest gezähmt.
Und zwar mit Liebe! Er hat den Menschen Wege zurück eröffnet. All den verlorenen Söhnen und Töchtern. Fasst mal unter eure Sitze und öffnet die Umschläge, die ihr dort findet.
[Konfis holen eine Postkarte aus den versteckten Briefumschlägen, auf dem ein breites spiegelndes Kreuz zu sehen ist.]