»Eine Sprache, eine Liebe« (Pfingsten 2026)

Nachricht Lister Matthäuskirche, 24. Mai 2026

Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-15.22 (Marco Müller)

Da war richtig was los in Jerusalem! Die Stadt brummte, möchte man meinen. Es war Schawu’ot, das Wochenfest – ein Erntedankfest im Frühjahr, weil zu dieser Zeit gerade der erste Weizen eingebracht werden konnte. Schawu‘ot. Eines der drei Wallfahrtsfeste. Menschenmassen. Strömten durch die Straßen, fluteten den Tempel. Feierten dankbar die ersten Gaben.

Da war richtig was los in Jerusalem. Nicht nur draußen auf den Straßen. Auch ihnen, in ihrem Herzen herrschte Aufruhr. Irgendwo stand dort ein Haus, in dem sich eine Schar Frauen und Männer versammelt hatte. Und in ihnen gärte es mächtig. Wie sollten sie all die Zeichen deuten, die sich vor ihnen ereignet hatten? Irgendwo in den Straßen der ewigen Stadt lag ganz real jenes Haus. Ein Treffpunkt.

Darin saßen versammelt Jüngerinnen und Jünger, die den Schrecken des Kreuzes gesehen hatten. Einige aus der Ferne, andere mutiger aus der Nähe. Das waren wohl vor allem die Frauen. In Teilen der Gruppe mag es angefangen haben zu bröckeln. Die ersten hatten enttäuscht ihre Sachen gepackt.  —   Drei Tage später: eine verstörende Botschaft. Der Leichnam Jesu nicht mehr da. Obwohl bewacht, obwohl gesichert durch Soldaten. Zwei von ihnen kamen aufgebracht heim und berichteten von einer Begegnung mit einem Dritten beim Abendessen: So vertraut, so innig, als wäre Jesus da gewesen. Und dann war er da. Sie hatten’s gesehen und gespürt. Hatte Hoffnung gespendet. Sprach von einer neuen Zeit und gab ihnen Vibes – so wie früher. Und dann plötzlich machte er klar: Jetzt gehe ich endgültig.  —  Fassungslose Gesichter. Und kaum hatten sie verstanden, war er weg. Nicht mehr greifbar. Nicht mehr herholbar. Nur noch eine Erinnerung.

Das war los ihn ihnen! Über Tage. Es gärte. Sie wählten den zwölften Apostel nach, weil Judas sich ja das Leben genommen hatte nach dem Verrat. Sie versuchten zu konsolidieren. Und wäre es nicht verständlich, wenn manche gesagt hätten: Es sei Zeit, dem Hin und Her ein Ende zu setzen? Dieser emotionalen Berg- und Talfahrt?

Ist es nicht irgendwann mal gut, wenn der Glaube Achterbahn mit einem spielt? Wer hält das aus? Auch sie werden das diskutiert haben in Jerusalem. Werden durcheinandergeredet haben, um die Mutlosen aufzuhalten. Tausend Stimmen, eine lauter als die andere, hundert Sprachen. Alles drohte zu zerbrechen. Wo war die Einheit geblieben, wo das, was sie verbunden hatte? Mal ehrlich: muss man nicht irgendwann den Stecker ziehen und sagen: das reicht jetzt für mich mit dem Glauben…? Zu viel Gegenwind. Ich mach Schluss. Zweifel sind zu stark. Ich steh da mit leeren Händen. Ich kehre diesem Haus den Rücken.

[II. ...und dann: Pfingsten!]

Aber dann das...

Als das Pfingstfest kam [also Schawu‘ot – am 50. Tag nach Pessach], waren wieder alle zusammen, die zu Jesus gehörten. Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten.
Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen.
Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.
Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.

Mit welchen Bildern, welcher Metapher würdest du beschreiben, dass irgendeine unsichtbare Kraft dir Schub verleiht? Rückenwind. Dass irgendetwas Dich in Bewegung bringt. Gedanklich. Emotional. Hoffnungsbezogen.
Mit welchen Bildern, welcher Metapher würdest Du beschreiben, dass eine nach dem anderen davon angesteckt wurde. Von dieser Freude über lichte Zukunft. Über Freiheit und Zuversicht. Über Liebe, die nicht totgeschlagen wurde, sondern immer noch lebt und bewegt…? Weiter in Apostelgschichte 2...

Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden – ganz so, wie der Geist es ihnen eingab. In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als das Rauschen einsetzte, strömten sie zusammen. Sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Erstaunt und verwundert sagten sie: »Sind das nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden? Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien. Aus Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier. Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat.« Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?« Wieder andere spotteten: »Die haben zu viel süßen Wein getrunken!«

Sollte Lukas in seienr Apostelgeschichte da eine Prise Humor in seinen Bericht in der Apostelgeschichte eingebaut haben? Keine Angst, er holt die Pointe gleich wieder ein. Einen Vers später tritt Petrus auf und besänftigt:

»Ihr Leute von Judäa, Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu! Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages.«

Na Gott sei Dank. Wenigstens keine Trunkenbolde! Dennoch! Merkwürdige Typen: Die Verwunderung war riesig. Dieser chaotische Haufen in irgend-einem Haus in Jerusalem hatte irgendetwas erlebt, das ihn ansteckend machte. Irgendetwas, das aufhorchen ließ. Und sie schafften es, dieses Irgendetwas so mitzuteilen, dass es verständlich wurde, verstehbar war … selbst für die Fremden. Was mag das gewesen sein?

 

Ich hab geträumt, es fallen Sterne.
Nicht nur einer, nein, eine Billion.
Über allen Ländern dieser Erde
eine Feuerwerksfunkenvision.

Ulf Werner, aus dem Lied "Komm vom Schatten ins Licht". Zum Anschauen des Videos bitte Anzeige des externen Inhalts gestatteten:
Externer Inhalt

An dieser Stelle wird Ihnen externer Inhalt angezeigt. Klicken Sie auf "Externen Inhalt anzeigen", wenn Sie damit einverstanden sind. Ihr Einverständis wird für zwei Wochen gespeichert. Weitere Hinweise finden Sie in unserer Datenschutzerklärung

Externen Inhalt anzeigen

Sterne fallen wir Konfetti. Feuerwerk wird gezündet. Weil wir Grund haben zu feiern. Weil etwas einkehrt, das so lange auf der Sehnsuchts-liste gestanden hat. So vieler Menschen. Kleiner und Großer. Was mag das gewesen sein?

Über allen Städten frischer Regen,
erste Tropfen auf meinem Balkon.

Ulf Werner, "Komm vom Schatten ins Licht"

Ganz zaghaft macht sich diese Freude auch vor meiner Balkontür bemerkbar… Was hat so sehr in den Bann gezogen, dass es sich wie „Muttersprache“ anfühlte?

[III. Erfahrungen von "Zuhause"]

Kommt ihr mit? Ich will euch erzählen davon, wie sich "Muttersprache" bei mir anfühlt...

Ich hatte das Gefphl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Und meine nur ganz kleine Auslandserfahrungen mit Ende 20 in Anschlag gebracht war das auch das Ende der Welt: 14 Stunden Flug von Hannover über London nach Chennai in Südindien. Totale Fremde. TropischeHitze. Mit einem Taxi zur Central Station. Mitten in der Nacht. Der Zug nach Bangalore fuhr sechs Stunden. Ich erreichte die Stadt irgendwann mittags, ließ mich ins United Theological College fahren. Und mir mein Zimmer zuweisen. Nach 27 Stunden endlich wieder ein Bett. Allein in der Fremde. Es roch komisch dort. Der geflieste Boden ließ die hohe Luftfeuchtigkeit kondensieren. In den Ecken hinter den Fußleisten kniggerte es merkwürdig. Aber immer, wenn ich dort hinschaute, war nichts zu sehen. Die indischen Mitstudenten grüßten höflich aber blieben distanziert. Mich irritierte, wie bei der Essensausgabe die scharfe Sambar-Suppe auf meinen Blechteller geklatscht wurde; ich konnte mich an die Idli-Fladen aus Reise- und Linsenteig nicht gewöhnen und Dosa mochte ich auch nicht. Das Ende der Welt. Ich war froh, wenn ich nach den Mahlzeiten die Tür meines Zimmer schließen konnte. Es kniggerte immer noch. Ich dachte an Kakerlaken und Käfer und andere, mit denen ich mein Zimmer gar nicht teilen wollte.

Und dann kam Lloyd, wohl an Tag drei war das. Unsere Sprache war Englisch. Aber das ich mich verstanden fühlte, lag nicht an den Worten. Es war sein Wesen. Seine Freundlichkeit. Sein Interesse. Die Gastfreundschaft in seinem Haus. Die Art, wie er mich Teil seiner Familie sein ließ. Brother Marco, my Brother from Germany. Und plötzlich war das Ende der Welt ganz woanders.
Erste Tropfen auf meinem Balkon…
Liebe. Das war’s, was ich ersehnt hatte.
Und Ihr so? Eure Beispiele für diese Tropfen…?

[IV. Eine Sprache, die das Herz erreicht: Erste Tropfen auf meinem Balkon]

Aus meinen Augen fallen Tränen.
Aus dem Bach wird ein Fluss, wird ein Strom.
Alle Tage eines schweren Lebens
fließen weiter und weiter davon.

Ulf Werner, "Komm vom Schatten ins Glück"

Die Sehnsucht, wahrgenommen zu werden: in seiner Einsamkeit; in dem Knäuel verstrickter Fragen; in dem Chaos, das das Leben dir beschert hat oder in das du dein Leben manövriert hast. Diese große Sehnsucht wohnt in mir und vielleicht ja auch in dir…!?
Und wenn dann einer kommt und meine Sprache spricht, dann kann ich nicht anders; dann treibt mir das die Tränen in die Augen: Tränen der Freude. Und diese Sprache, die bemisst sich nicht am deutschen Wörterbuch. Sie wählt ihre Nomen und Verben und Satzkonstruktionen aus der Fülle der Gesten, die aus Liebe gemacht sind. Aus der Fülle der freundlichen Blicke.
Der Zugewandtheit. Der Anteilnahme.
Des ernsthaften Interesses.
Und wo du das wahrnimmst, da fallen auch auf deinen Balkon erste Tropfen…

Eine Sprache, eine Liebe,
egal, wer du bist, egal wo du bist:
Eine Sprache, eine Liebe,
egal, wie verloren du bist…

Ulf Werner, "Kommt vom Schatten ins Licht"

[V. Alles andere als selbstverständlich...]

Lasst uns nicht so tun, als wäre das selbstverständlich. Mir scheint, selbstverständlich ist eher, dass Menschen einen Turm bauen wollen, der den Himmel durchstößt  —  weil sie um Ruhm und Ehre wetteifern. Und sich in diesem Eifer gnadenlos um die eigenen Bauchnabel drehen. Was für ein erschöpfender Kampf!
Einer, der nicht glücklich macht. Und der aus dem Unglauben wächst, die Herzenssehnsucht könnte man je selbst stillen…

Aber dann passiert Pfingsten. Unglaublich, aber wahr. Und als setzten sich kleine Feuerzungen auf die Schultern und Menschen werden angesteckt und bewegt. Erfahren Rückenwind, der sie merkbar trägt. So wie auf dem Fahrrad, wenn es unerwartet leicht wird.
Dann passiert Pfingsten, indem ein Blick verfängt. Oder ein Wort das Herz trifft. Oder eine Hand im rechten Moment auf der Schulter liegt. Oder ein Ohr zuhört und ein Mund nicht unterbricht. Oder einer mit offenen Armen dasteht und sagt:
Nun komm mal her, ich bin ja da.
My Brother, my sister.
Und wieder fallen Tropfen auf den Balkon und durchbrechen die Schwüle des Tages. Und ich merke, wie ich anfange, wieder atmen zu können. Durchatmen.

Und durch die Straßen laufen Menschen,
bunte Farben auf grauem Beton.
Und auf einmal höre ich sie singen,
diesen alles verbindenden Ton

Ulf Werner, "Komm vom Schatten ins Licht"

[VI. ... stimme ein in den Gesang!]

Dann atmest du tief durch und riechst die Sommerfrische von Regen auf Beton. Und du lässt dich anstecken von dieser Sprache, die Jesus den Menschen gebracht hat.

Du gibst die Flamme weiter, die dich erreicht hat und dein Herz bewegt hat:

Ein Wort.

Einen Blick voll Ermutigung.

Eine sanfte Hand im rechten Moment auf der Schulter.

Ein Ohr, wenn du es gerade hast.

Stell dir vor, du gibst diese Energie weiter. Das wäre doch was!

Und sie bleibt in der Welt.
Und belebt auch andere.

AMEN.

Pastor Marco Müller