»Ein Biest lebt in deinem Haus«

Nachricht Lister Matthäuskirche, 28. Juni 2026, 28. Juni 2026

Predigt zum Römerbrief 12,9.17-21 (Das Böse mit Gutem überwinden)

[I. Paulus plant...]

Es lagen tausende Kilometer hinter ihm. Staubige Straßen. So viele Gespräche mit denen, die ihn begleiteten: mal Barnabas, mal Silas, dann Timotheus und Titus. Glühende Diskussionen unter sengender Sonne: wie all das zu verstehen sei, was sie gehört hatten von diesem Jesus, dessen Geist sie angesteckt hatte. Dessen Worte sie bewegt hatten. Aber wie jetztg weiter? Wie jetzt damit leben?

Paulus hatte unzähligen Menschen von seinem neuen Herrn erzählt. Von Christus. Hatte Gemeinden gegründet. Kleine Hausgemeinschaften. Sie hatten zu blühen begonnen – für Christus. Weil Menschen Hoffnung gefasst hatten, dass es auf der Welt eben mehr geben könne als Wettkampf und Konkurrenz und die Macht des Stärkeren. Mehr als Intrige und Demütigung durch die Mächtigen.

Und du? Kannst du das glauben? Also heute!?
Dass es mehr gibt als die Macht der Stärkeren?
Als Hinterrücks und Demütigung…!?

Er war tausende Kilometer gereist. Und nun saß Paulus abermals in Korinth (westliche von Athen) im Haus seiner Freunde und bereitete seine größte Reise vor: Auf dem Weg nach Spanien wollte er Rom sehen. Selbst dort gab es bereits eine kleine chirstliche Gemeinschaft. Dabei waren die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu, an die sie glaubten, gerade mal 23 Jahre her. Dort im Schatten des Forum Romanum, im Schatten des gigantischen Kolosseums, selbst dort betete man zu ihm, zu Christus. Und Paulus wollte dort hin.

Sein Brief war so etwas wie ein Bewerbungs-schreiben. Woher hätten sie wissen sollen, wer er war? Ohne Instagram und TikTok. Und deshalb schrieb Paulus an seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Und legte er ihnen dar, was alles wichtig war in seinen Augen: Schrieb, was ihm wichtig war zu leben. Weiter zu tragen an Haltung. An Aufrechtigkeit. An ehrlicher Liebe.  —  UND er schrieb ganz ehrlich davon, wie er selbst immer wieder versuchte, alles richtig zu machen, aber an diesem guten Gesetz immer wieder scheitert und fast zerbrach. »Das Gute erkenne ich wohl. Aber vollbringen… Ich schaffe das so oft nicht!« Er schrieb, was Christus in sein Herz gepflanzt hatte:
Dass nichts und niemand kann dich trennen kann von Gottes Liebe. Hatte Christus den Menschen das nicht mit jeder Faser seiner Existenz gezeigt!?
Musste nicht jetzt Liebe die große Taktgeberin des Lebens sein !?

Und du? Kannst du das glauben? Also heute!?
Dass die Liebe den Takt gibt?
Und nicht das Großtönen und die Macht der Starken…?

[II. Paulus schreibt… Römer 12,9.17-21]

Josef und seine Brüder (1.Mose 50,15-21)

Paulus schreibt:

Eure Liebe soll aufrichtig sein.
Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest. […]

Vergeltet Böses nicht mit Bösem.
Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden –
soweit das möglich ist und es an euch liegt.
Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben.
Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja:

»›Die Rache ist meine Sache,
ich werde Vergeltung üben‹, spricht der Herr.«

(5.Mose 32,35)

Im Gegenteil:

»Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen.
Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.
Wenn du das tust, häufst du glühende Kohlen auf seinen kopf.«   (Sprüche 25,21-22)

Lass dich nicht vom Bösen besiegen,
sondern besiege das Böse durch das Gute!

[III. Es kämpft in mir…]

Kennst du diesen Kampf? Dieses innere Ringen zwischen Gut und Böse? Dass die sich die Argumente um die Ohren werfen und versuchen, einander matt zu setzen? In dir drin…  —  Ob dieses Ringen einst in Josefs Herzen zu spüren war?
Ich wehre mich dagegen, den Paulus zu schnell befriedigt ad acta zu legen wie ein schönes Wand-Tattoo: Habt immer nur Gutes im Sinn!
Das ist mir zu einfach. Und Paulus tut auch gar nicht so, als wäre es so einfach. Als reichte es aus, daran zu erinnern. Wenn die Sache nicht der Rede wert wäre, hätte Paulus sie nicht erwähnt:
»Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!«
Das steht dort, weil die Gefahr gegeben ist! Weil es diese Kämpfe gibt. In mir. Und vielleicht ja auch in dir. Weil ständig das Gute und das Böse miteinander ringen! Es ist Realität! Ob ich das will oder nicht.  —  Und es reicht nicht, sich über die böse Welt aufzuregen!

Kennt jemand noch das Album »Stadtaffe« von Peter Fox? Das Lied »Das zweite Gesicht« ?
Es geht genau um diesen Kampf:

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Die Stimme bebt und der Blick ist Eis
Gleich geht jemand hier zu weit
Die Zunge ist geladen und bereit
Die Wörter von der Leine zu lassen,
sich Feinde zu machen

Pfeilspitzen voller Gift
Der Feind wackelt, wenn du triffst
Du triumphierst, wenn er kippt
Doch morgen um diese Zeit tut es dir leid

Hahnenkampf um einen Haufen Mist
Jemanden opfern für einen lauen Witz
Eine Spinne tot–duschen,
wenn du in der Wanne sitzt
Einem Dummen zeigen,
dass du schlauer bist

Denn es steckt mit dir unter einer Haut
Und du weißt, es will raus ans Licht
Die Käfigtür geht langsam auf
und da zeigt es sich:
Das zweite Gesicht

Ein Biest lebt in deinem Haus
Du schließt es ein, es bricht aus
Das gleiche Spiel jeden Tag
Vom Laufstall bis ins Grab

 Ein Biest lebt in deinem Haus
Du schließt es ein, es bricht aus
Es kommt durch jede Tür
Es wohnt bei dir und bei mir

Martin Luther kannte dieses Biest ziemlich gut. Ebenso gut wie Paulus… Im Chor hätten die beiden miteinander sprechen können: Ich sehe ja, was ich tun soll. Es ist mir völlig klar.  —  Nur das Voll-bringen, daran scheitere ich immer wieder.

Und du so?

»Je ehrlicher ein Mensch zu sich sein kann (…), umso deutlicher treten ihm auch die eigenen Abgründe vor Augen…«, sagt Luther einmal.  Und vielleicht ist es ganz hilfreich, so ehrlich zu sich zu sein. Nicht, um dem Biest die Oberhand zu gewähren, sondern um ernst zu sehen, dass es da ein Kämpfen gehen kann. Um Sieg und Niederlage. Um Gut und Böse.

Kannst du das glauben? Dass man sich ganz bewusst entscheiden muss. Sogar in unserem kleinen Alltag: Gegen die Macht des Stärkeren. Gerade, wenn du selbst der Stärkere bist…

Es ist alles andere als einfach.

[IV. Enrino Dapozzo und das Böse]

Diesen Bericht von Erino Dapozzo habe ich gefunden:

»Jahrelang habe ich um meines Glaubens willen in einem deutschen Konzentrationslager gelitten. Ich wog nur noch 45 Kilogramm, und mein ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Mein rechter Arm war gebrochen und ohne ärztliche Behandlung gelassen. Am Weihnachtsabend 1943 ließ mich der Lagerkommandant rufen. Ich stand mit bloßem Oberkörper und barfuß vor ihm. Er saß an einer reich gedeckten, festlichen Tafel.

Stehend musste ich zusehen, wie er sich die Leckerbissen schmecken ließ. Da wurde ich vom Bösen versucht: ,Dapozzo, glaubst du immer noch an den 23. Psalm: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!‘ Im Stillen betete ich zu Gott und konnte dann antworten: ,Ja, ich glaube daran!‘ Der Kellner brachte Kaffee und ein Päckchen Kekse. Der Lagerkommandant aß sie mit Genuss und sagte zu mir: ,Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo!‘ Ich verstand nicht, was er meinte. Er erklärte es mir: ,Seit Jahren schickt ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer mit Behagen gegessen habe.‘ Wieder kämpfte ich gegen die Versuchung an.
Meine Frau und meine vier Kinder hatten von ihren ohnehin kargen Rationen Mehl, Fett und Zucker gespart, um mir etwas zukommen zu lassen. Und dieser Mann hatte die Nahrung meiner Kinder gegessen. Der Teufel flüsterte mir zu: ‚Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!‘ Wieder betete ich gegen den Hass an. Um Liebe. Ich bat den Kommandanten, wenigstens an einem der Kuchen riechen zu dürfen, um dabei an meine Frau und meine Kinder zu denken. Aber der Peiniger gewährte mir meine Bitte nicht. Er verfluchte mich.

Als der Krieg vorüber war, suchte ich nach dem Lagerkommandanten. Er war entkommen und untergetaucht. Nach zehn Jahren fand ich ihn schließlich und besuchte ihn zusammen mit einem Pfarrer. Natürlich erkannte er mich nicht. Dann sagte ich zu ihm: ,Ich bin Nummer 17531. Erinnern Sie sich an Weihnachten 1943?‘ Da bekam er plötzlich Angst: ,Sie sind gekommen, um sich an mir zu rächen?‘ Ja, bestätigte ich und öffnete ein großes Paket. Ein herrlicher Kuchen kam zum Vorschein. Ich bat seine Frau, Kaffee zu kochen. Dann aßen wir schweigend den Kuchen und tranken Kaffee. Der Kommandant begann zu weinen und mich um Verzeihung zu bitten. Ich erzählte ihm, dass ich ihm um Christi willen vergeben werde. Ein Jahr später fanden dieser Mann und seine Frau zum Glauben an Jesus Christus.«

[Quelle: https://silencetime.de/erino-dapozzo-die-kraft-der-liebe]

[V. Vom Stürzen der Denkmäler]

Ich frage mich:
Und du…? Willst du das glauben?
Willst du dich einreihen in solche Liebe?

Es liegt ja eine Gefahr in solchen Erzählungen. Sie können Kraft geben. Veranschaulichen. Aber sie schaffen auch Helden und stellen diese auf hohe Säulen: Denkmäler, unerreichbar.
Und ich weiß: ich bin kein Held. Ich und mein Biest, wir leben Tür an Tür.

Genau deshalb freue ich mich über das Ringen, das Dapozzo da beschreibt. Aufrichtige Liebe weiß, dass sie kein Selbstgänger ist. Dass sie erkämpft werden will. Kein Automatismus.
Ich freue mich über das Ringen von dem Paulus immer wieder schreibt: Dass er so vieles will und versteht, aber doch so oft erkennt: ich kann nicht. Ich bleibe zurück hinter dem, was gut ist.
Und das Wissen darum, dass genau dies zu deiner und meiner Natur gehört … genau dieses Wissen hilft mir, all die Heiligen nicht auf hohe Säulen zu stellen. Sondern an ihre Seite zu treten und zu schauen: Vielleicht gelingt es mir ja auch. Manchmal.

[VI. Vom Stürzen des Biestes]

Es kämpft in mir. Ein Biest wohnt in deinem Haus. Du schließt es ein, es bricht aus. Es kommt durch jede Tür. Es wohnt bei dir und bei mir…
Ja, das gehört zu aufrichtiger Liebe meiner Selbst wohl dazu. Dass ich das eingestehe.
Aber wisst ihr was? Auch das andere ist wahr: Jedes Mal, wenn ich den Kampf gewinne und die Liebe siegt, dann wird die Welt ein Stück heller. Und dieses Licht bleibt. Und jedes Mal, wenn du deinem Biest Paroli bietest, dann kommt etwas von dem Salz in die Welt, das dem faden Beigeschmack etwas entgegensetzt. Und das bleibt.

Und jedes Mal dann … sitzt das Biest ganz bedröppelt in der Ecke. Denn es ist nicht gewohnt zu verlieren. Und während es dort sitzt und noch  darüber nachsinnt, warum es dieses Mal nicht alle Welt manipulieren konnte, tanzen wir Walzer:
Die Liebe und ich und Du. Und Chriustus auch. Im Dreivierteltakt.

Und du so?
Glaubst Du das…?

AMEN.

Pastor Marco Müller