»Mit leeren Händen«

Nachricht Lister Matthäuskirche, 22. März 2026

Predigt zu 1.Mose 22,1-14 & Hebräerbrief 13,12-14 (Marco Müller)

Ist das Sumpfland vor mir oder Schnee? Seichtes Wasser, von Nebel überwölbt, dass ich nicht sehen kann, wie tief ich sinke? Oder Schnee auf meinem Weg. Dass ich kalte Füße kriege. Nicht stehenbleiben darf. Kaum denken darf, was kommt. Manchmal stehe ich an solchen Punkten. Kann nicht zurück und wage kaum einen Schritt zu setzen. Und weiß doch, ich muss es tun. Kein Vor und kein Zurück und ein Stehenbleiben auch nicht.

[Das hier aus Urheberrechtsgründen nicht wiedergegebene in der Predigt verwendete Bild zeigt eine unwirtliche Landschaft: Ein Schneefeld, dessen Horizontlinie im Grau des Nebels verschwindet. Einige Grasbüschel strecken sich durch den Schnee, sonst ist nicht zu entdecken. Vorlage für diese Leere ist Quint Buchholz‘ Bild „Schnee (I.)“ von 1998 (siehe Link unten) – nur dass dieses zu Beginn der Predigt gezeigte Bild ohne das dort zentrale Motiv auskommt und ins unwirtliche Schnee-/Sumpfland schaut.]

Tiefenkrise nennt man das seit ein paar Jahren (Matthias Horx). In der Coronazeit wurde das Wort geschöpft: Tiefenkrise. Wenn die Vergangenheit kein erreichbarer Rückzugsort mehr ist, die Zukunft bedrohlich da liegt und das Jetzt nur weh tut. Sumpfland oder eisiger Schnee? Nur die Art des Schmerzes unterscheidet sich da noch.

[Draußen vor dem Tor]

Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt. Damals vor vielen Jahren. Kein Vabanquespiel, schien mir. Sondern der ganz normale Lauf des Lebens. Setzt man nicht manchmal alles auf die Eine? Von der du denkst, die ist es? Die oder keine? Die große Liebe. Und ist es nicht normal, sich keinen doppelten Boden zu erlauben?
Weil Liebe mit doppeltem Boden nicht geht…

All das ist ewig her. Aus den Fotos von damals schaut mich ein anderer Mensch an. So jung und dynamisch. Vielleicht war das gar nicht in diesem Leben? Und doch haben wir uns vor wenigen Wochen wiedergesehen. Das erste Mal seit 23 Jahren wirklich getroffen. Sie hat längst eine Praxis in einer großen Stadt am Meer … und auch ich habe meine Stationen gemacht – manch geraden und manch steinigen Weg. Und trotzdem wurde in dieser Begegnung deutlich, wie sehr es damals gebebt hat, als jene Liebe zerbrach. Wie sehr diese Krise von 2003 mir bis heute Fragen stellt…

Wenn die Zukunft plötzlich abbricht. Und die Vergangenheit kein bergender Ort mehr ist. Wenn das Jetzt nur weh tut…   —   Tiefenkrise. Wenn Sicherheiten in Frage gestellt werden. Das, was dich hält sich gegen dich zu wenden scheint. Sich deinem suchenden Griff entwindet und dich allein stehen lässt.

Kennst du solche Geschichten…?
Was ist deine Geschichte…?

[Abraham draußen vor dem Tor]

Als Abraham die Anweisungen hört, traut er seinen Ohren nicht. Es kann nicht anders gewesen sein. Er hatte Jahrzehnte darauf gewartet, dass Gott es wahr werden lässt: ein Kind, das die Nachkommen zahlreich wie die Sterne machen würde. Und endlich, als er und Sara längst alt sind, kommt der: Isaak. Und Gott hält Wort! Stellt euch diese Dankbarkeit vor! Diese Tiefe des Glaubens! Diese Verbindung! Mit diesem Gott kann er leben und sterben. Geborgen sein. So mag er gefühlt haben.   —   Bis er dessen Stimme erneut hört: Geh und nimm Isaak, deinen einzigen Sohn und dann opfere ihn…

Tiefenkrise. Alle Sicherheiten in Frage gestellt. Nicht weil Isaak seine Altersversicherung war, worauf in historischem Kontext hinzuweisen wäre: Kinder sind in der Antike die Rentenversicherung der Eltern. Das zu betrachten wäre zu billig.  — Nein, Tiefenkrise, weil Gott ihm alles nimmt, was Halt gegeben. hatte: Den Glauben, mit dieser Verbindung leben und sterben zu können. Geborgenheit. Es ist skandalös! Und ich meine nicht allein die dramatische Aufforderung, Isaak zu opfern. Die ist auch skandalös. (Und das war sie immer, denn Menschenopfer war das, was Israel immer voller Ekel von sich gewiesen hat!) Aber ich meine dieses Vor-den-Abgrund-gestellt-Werden! Das ist skandalös! Dass Abraham fühlt: Alles wendet sich gegen dich. Alles entwindet sich meinem suchenden Griff und lässt mich allein dastehen.

Wisst ihr, ich bezweifle, dass diese Geschichte eine historische Begebenheit erzählt. Es mag so gewesen sein, aber das hülfe mir überhaupt nicht. Denn dann wäre sie Geschichte. Stattdessen finde ich in ihr etwas abgebildet, das aktueller ist als mir lieb ist: Sie spiegelt die Tiefenkrisen auch der Geschichten unserer Zeit. Meiner Zeit. Sie lässt die Fragen aufblitzen, die wir stellen: Das Warum. Und das Wozu. Und das Warum ich. Und das Gefühl von allen guten Geistern verlassen zu sein. Draußen vor dem Tor zu sitzen und nicht hinein zu dürfen.

Kennst du diese Geschichten…?
Was ist deine Geschichte…?

Deine Tiefenkrise. Die, die dir kalte Füße macht, als wäre sie gestern geschehen; die dich das Sumpfland stehen lässt: keinen Schritt vor und keinen zurück kannst du mehr setzen. Und wo du stehst, da ist es kalt.

[Jesus vor dem Tor]

Als Jesus das Kreuz nimmt und sich die Straßen entlangschleppt, mag er selbst an diesem Punkt gewesen sein. Ob er gedacht hat? Ob ihm die Worte der letzten Nacht durch den Kopf gegangen sind? „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe … Wie kann dies dein Wille sein, Vater?“ So schleppt er sich die Straßen Jerusalems entlang. Hört die Rufe vom Straßenrand. Und treibt durch die Menge, bis die Stadt ihn ausspeit. Jene Stadt, die man die Heilige nennt. Die den Tempel birgt. Den Ort des Fußschemels Gottes. Sie speit ihn aus. Hinaus mit dir vor meine Tore! Einen Steinwurf weit, dass wir dich sehen können. Aus sicherer Distanz. Wollen nicht erfasst werden von deinen Fragen: Warum? Wozu? Wollen nicht angesteckt werden von dieser Perspektivlosigkeit: keinen Schritt gen Zukunft; und die Vergangenheit abgeschnitten; und die Gegenwart…

Merkt Ihr es? Das Muster kehrt wieder. Draußen vor dem Tor scheint kein einsamer Ort zu sein. Abraham ist dort in seiner Einsamkeit. Jesus ist dort. Und so viele andere. Kein unbewohnter Ort … Dort, wo man das Sumpfland sieht. Wo Schnee liegt  und die Füße kalt werden.

Bist du noch bei deiner Geschichte?
Siehst du, dass da noch andere mit dir sind?

Andere, die Rufen: Schaffe mit, Recht, Gott!

[Hebräerbrief 13,12-14]

Der Predigttext für heute ist ein ganz kurzer. Kryptisch kommt er daher. Ohne Schlüssel zunächst. Aber doch irgendwie hineinsprechend in dieses Sitzen vor dem Tor:

Darum hat auch Jesus,
damit er das Volk heilige
durch sein eigenes Blut,
gelitten draußen vor dem Tor.
So lasst uns nun zu ihm hinausgehen
vor das Lager
und seine Schmach tragen.
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.

Der Hebräerbrief schaut so zurück auf die Ereignisse: Darum lasst uns nun hinausgehen zu dem, der draußen gelitten hat. Draußen vor den Toren. Darum lasst uns nun hinausgehen vor die Tore. Die Sicherheit verlassen, die wir glauben in Händen zu haben. Lasst uns das annehmen, was deine und meine Geschichte und all die anderen erzählen:
Dass Glaube nicht heißt, sicher zu haben, was Halt gibt. Nicht in der Tasche. Dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Dass wir aber voller Sehnsucht sind danach, dass eine kommt…

(Choral-Zitat EG 382,1)
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr;
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.

Mit leeren Händen?, könnte einer fragen. Und du meinst, dass das attraktiv ist? Für diesen Glauben willst du werben? Draußen vor der Stadt?  —  Eine Frau sagt: Herr Müller, geben Sie mir doch einen Zipfel, der mir Gewissheit schenkt. Einen Zipfel des Saumes Gottes. Einen Beweis. Ein Zeichen. Und ich schaue sie an und höre mich sagen: Wenn ich das täte, wäre es nicht mehr Gott. Es wäre dann ja Menschenwerk. Tand. Wertlos. Ein Stück Stoff.

Und ich stehe da und weiß nichts anderes. Weiß nur, dass ich Gott nicht habe, sondern erhoffe. Manchmal auch erlebe. Aber eben nicht festhalten kann. Aber anderes herum weiß ich auch, dass mir nichts Besseres einfällt. Dass ich nicht einfach weglaufen kann, die Sehnsucht nicht an den Nagel hängen kann. Weil die Tiefenkrisen ja da sind. So oder so. Und mich rütteln und schütteln.  —  Deshalb muss ich sie annehmen. Sie sind nicht das Zerbrechen meines Lebens. Nicht das Scheitern. Sie sind Brüche, die mir Profil geben! Sie geben meiner Sehnsucht Kontur!

Ja, ich weiß: Mit leeren Händen steh ich da. Aber ich weiß um den, den ich brauche. Und um um das Boot, das mich hinüberfährt…
Und ich weiß, dass ich für meine Sehnsucht einen Punkt brauche, auf den sie sich richten kann… Die zukünftige Stadt. So wie eine Kompassnadel.

Und du und deine Geschichte…?
Kennst du diesen Punkt auch…?

[Mit vollem Herzen]

Das hier aus Urheberrechtsgründen nicht wiedergegebene Bild zeigt Quint Buchholz‘ originales Bild „Schnee (I.)“ von 1998:
https://www.quintbuchholz.de/bildarchiv/1991-2000/#bwg2/1030

Dieses Bild habe ich gefunden. Haltet es für naiv. Oder für Wunschdenken. Oder für … Glauben! In meiner Bibel illustriert es die Tiefenkrise Abrahams. Es verleugnet nicht die Kälte und auch nicht die unwirtliche Landschaft vor den Toren der Stadt… Es verleugnet nicht den Nebel, der sich immer wieder über meinen Lebensweg wölbt. Und auch nicht die Einsamkeit, die all das mit sich bringt.

Aber es erzählt davon, dass du getragen wirst im kalten Meer. In der Erzählung dieses Bildes höre ich, dass ich draußen vor der Stadt nicht allein im Schnee stehe. Einer ist schon vor mir dort. Nimm deine Geschichte an und lass uns hinausgehen zu ihm. Und er hat ein Boot dorthin geschleppt quer durch die Stadt. Hat Proviant in den Koffer gepackt: Brot und Wein für die Überfahrt… Auf diesem Boot wird deine Geschichte weitergeschrieben.

Mit leeren Händen? Ja.
Aber vollem Herzen.
Und es ist deine Glaubensgeschichte.

[Gebet]

Gott, wohin fährst du mich?
Wohin schickst du mich?
Hast meinen Koffer gepackt und gefragt,
„magst du einen deiner Teddys mitnehmen?“
Ich habe Tränen in deinen Augen gesehen. Warum?
All die Decken,
warmes Tuch hast du ins Boot gelegt.
Wie für eine lange Reise.
„Warum steigst du nicht mit ein, Vater? Mutter?“
Du hast geschaut
und es glitzerte in deinen Augen.
Ein Kuss auf die Stirn, eine warme Hand,
die mit die Haare zurückkämmte.
Du putztest mein Brille und setztest sie mir
unendlich liebevoll,
 unendlich umständlich wieder auf.
Und dann bist du weg, Vater, Mutter.
Nur ich und Teddy.
Der Koffer und das Meer aus Schnee.
Was kommt?
Trägst du mich?
Gehst du voraus?

Schaffe mir Recht, mein Gott.

AMEN.

Pastor Marco Müller