Ich bin immer irritiert, wenn mein 13jähriger Sohn bei Tischgesprächen auf irgendeine Begebenheit seines Lebens zu sprechen kommt, und dann von „früher“ spricht: „Früher musste ich mich echt erstmal daran gewöhnen, mit dem Apple Pen zu schreiben!“ Das begann vor 11 Monaten, weil die Ricarda die Geräte für alle als verpflichtendes Unterrichtsmaterial einführte. Oder: „Früher, im Dänemarkurlaub, waren Theodor und ich jeden Tag am Wasser“. Er meint die zwei Wochen im August dieses Jahres.
Für mich ist „früher“ etwas anderes. Und trotzdem teile ich mit Jakob das Gefühl, dass die Zeit rast.
Und nicht nur die Zeit! Auch die Entwicklungen. Während Jakob mich unverschämterweise fragt, ob es zu Zeiten meines Abiturs schon Farbfernsehen gab, staune ich darüber, dass der weltweite Covid-Ausbruch bald ein halbes Jahrzehnt zurückliegt oder dass ChatGPT in nur drei Jahren so selbstverständlich geworden ist, dass selbst meine Mutter es nutzt.
Manchmal überkommt mich das Gefühl, die Erde würde sich Jahr um Jahr schneller drehen. Etwas beunruhigend schleicht sie ein weiteres Gefühl dazu: Dass die meisten Menschen nicht mehr mitkommen. Dass es einfach zu viel wird. Vor über 100 Jahren warnte Albert Schweitzer, dass die Menschheit zwei technisch enorme Entwicklungen aus dem 10. Jahrhundert mitgebracht hätte, in ihrer ethischen Entwicklung aber bei weitem nicht das Rüstzeug mitbringen würde, all das zu handeln, was sie in ihren Arsenalen hatte. Er sollte Recht behalten…
Es geht jenes Jahr zu Ende, in dem ein Historiker hoffentlich zu lässig (womöglich fahrlässig?) vom letzten Sommer in Frieden“ gesprochen hat. Fast vier Jahre dauert der Krieg in der Ukraine. Und ähnlich wie die Gänsehaut im Nacken von Will Byers bei Stranger Things ungute Vorahnungen auslöst, geht es mir, wenn ich darüber nachdenke, wo wir in drei, in fünf oder in zehn Jahren sein werden.
Was ich sagen will: Wir rasen durch die Zeit und es fühlt sich verdammt nach unangepasster Geschwindigkeit an. Mir machen manche politischen Entwicklungen zu schaffe. Andere schauen sorgenvoll darauf, wie schnell sich Normen wandeln;
wie selbstverständlich Lebensentwürfe sich wandeln;sie tun sich schwer damit tut zu sagen, was „normal“ ist. Gesellschaft verändert sich. Formen des Zusammenlebens verändert sich. Man könnte auch sagen: sie entwickeln sich. Sie haben das immer getan. Aber das ändert ja nichts daran, dass es Menschen gibt, denen das Angst macht. Weil Halt fehlt, weil Verlässlichkeit abhanden gekommen ist, weil nicht mehr so ist, wie es war.
Vieles ist so unklar. So wie der Weizen unter dem Unkraut. So undurchschaubar. Macht euch das auch kirre? Hat euer Glaube an „immer größer schneller, besser, hochentwickelter“ auch Kratzer bekommen?
[Predigttext]
Predigttext für diesen letzten Abend des Jahres — für die Schwelle in ein neues Jahr sozusagen — sind zwei kleine Verse aus dem Hebräerbrief. Eine Notiz im letzten Kapitel. Fast ein wenig versteckt unter den Grüßen und letzten Ratschlägen… Dort heißt es:
Jesus Christus ist gestern und heute derselbe
und bleibt es für immer.
Lasst euch durch die vielfältigen fremden Lehren
nicht irreführen.
Denn es ist wirklich nützlich, dass euer Herz durch Gnade gefestigt wird…
In gutem Lutherdeutsch:
Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde,
welches geschieht durch Gnade.
Predigttext für diesen letzten Abend des Jahres. Ein Wort hineingesprochen in eine Situation, die — egal, wie vielen Generationen vor uns das ebenso ging — verwirrend und verunsichernd auf vielen Schultern lastet. Zitternde Knie und schwankenen Boden bringt die Gegenwart für viele mit sich.
[Ein festes Herz]
Wie bekomme ich ein festes Herz? Wie geht das, dass Zuversicht die Oberhand behält? Dass mir nicht schwindelig wird angesichts des Tempos der Zeit? Ich kann ja nicht die Welt da draußen ändern, höchstens mich selbst — (wenn überhaupt)! Wie bekomme ich ein festes Herz? Im Lied haben wir gerade gesungen: …gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir… Dahinter stand die Sehnsucht nach Geborgenheit. Nach Ruhe.
Auf irgendeine Weise tröstet es mich, dass mein Empfinden offenbar nicht neu ist. Dass es diese Art von Sorge und Sehnsucht schon immer gegeben hat. Sonst hätten diese Worte vor 1.900 Jahren ja nicht den Weg in den Hebräerbrief gefunden. Und ausgerechnet dort, wo man doch den Kern kirchlicher Tradition vermuten könnte; ausgerechnet in der Bibel, wo man vermuten könnte, dass hier bewahrt wird, was immer schon so war …; ausgerechnet hier am Ende des Hebräerbriefs zwischen Abschiedsgrüßen und letzten Ermahnungen, heißt es NICHT: Nun haltet die Traditionen hoch, haltet fest am Bekannten, bewahrt das, was gestern „normal“ war, konserviert es, dass es das Licht des Morgens sieht. So heißt es NICHT!
Stattdessen heißt es vollkommen fokussiert und auf den Punkt gebracht: Jesus Christus ist gestern und heute derselbe und bleibt es für immer.
Das ist noch keine Antwort auf all meine Fragen, aber es erzählt davon, dass eine Kraft zeitlos da ist. Dass diese Kraft unwiderruflich an meiner Seite bleibt: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Wenn man so will: Ein Anker in der Zeit. Derjenige, der bedingungslos liebt. Der unerschütterlich hofft. Der ein Licht in trübster Nacht ist. Der Versöhnung schenkt. Der Versöhnung möglich macht. Der heilen kann, was zerstört erscheint. Dieser Christus war und ist und bleibt. Mögen Welten einstürzen und der Himmel auf die Erde fallen. Christus, in dessen Angesicht sich die Liebe Gottes spiegelt. Der bleibt!
[Die Hände in den Schoß legen I]
Wie bekomme ich ein festes Herz? Wie geht das, dass dieser Christus zum Anker wird? Was muss ich tun, was muss ich machen? — Zunächst einmal: Leg mal die Hände in den Schoß! Ich glaube, das geht allein, indem ich mir erlaube, eine neue Haltung einzunehmen. Indem ich heraustrete aus dem Wahn, alles „machen“ zu müssen. Alles „können“ zu müssen. Verstehst du? Hadere nicht mit dir, wenn es einfach nicht gelingen will. Wenn alles Schrauben, Feilen und Schnitzen an dir selbst dich irgendwie nicht weiterführt. Wenn alles Selbstoptimieren immer wieder auf Grund läuft. Es geht um eine Frage der Haltung, nicht um eine Frage des Machens.
Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde,
welches geschieht durch Gnade.
Gnade. Was für ein uraltes Wort! Nichts gegen uralte Worte, aber wenn man die nicht mehr versteht…? Vielleicht so: Gnade. Ein Geschenk mit Gottesbezug. Martin Luther hat mal gesagt: Ein Gott ist das, wovon man alles Gute erwartet. Ich glaube, man könnte auch sagen: Das, wovor man in Gedanken auf die Knie gehen kann, weil man weiß, dort ist Heil. Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Die Hände also mit bestem Gewissen in den Schoß legen im Wissen darum, dass ich nicht alles „machen“ kann, sondern ein Bettler um Gnade bin. Die eine wichtige Haltung ist die Haltung des Gnadenbettlers.
[Die Hände in den Schoß legen II]
Die andere ist gar nicht weit davon entfernt: Auch sie ist eine geistliche Haltung, keine aktivistische, keine der Illusion, sie könne die Welt allein schultern. Und für diese zweite Haltung musst du dich eigentlich kaum Rühren. Die Hände im Schoß … sind gar nicht so schlecht. Es ist die Haltung der Dankbarkeit.
Es gibt Spuren Gottes auf unseren Lebenswegen: Willst du glauben, dass du bewahrt wurdest? Oder willst du glauben, dass du zufällig am Leben geblieben bist? Willst du glauben, dass Gott dich erhält mit all dem, was du zum Leben brauchst? Oder bist du besser unterwegs mit der Annahme, dass dein Leben beliebig ist? — Das sind Spuren am Morgen im Wald, wenn die Sonne durch den Nebel bricht und deinen Geist aufhellt. Spuren im Duft des Kaffees, der dich die Augen schließen lässt und für einen Moment bist du im Urlaub. Spuren im Pochen des Herzens, wenn die deine Whatsapp mit einem Emoji mit Herzaugen beantwortet; wenn er sich verlegen anlächelt…
Die Haltung der Dankbarkeit lässt die Wunder nicht achtlos vorüberziehen. Sie weißt, wer solche Wunder schenkt. Und sie wendet sich zu. Und sie knüpft an. Vielleicht mit ungelenken Worten – aber hey !? was soll’s. Gott wird das verstehen. Und safe (würde mein Sohn sagen), Hauptsache ihr seid in touch…
[…und in ein neues Jahr]
Die Zeiten rasen und die Entwicklungen sind kaum aufzuhalten. Schaue ich in die Welt, ist da manchen, das mir ernsthaft Sorge bereitet. Zu manchem kommt mir eine Idee, was ich tun könnte; für manches spüre ich Energie, um es nicht hinzunehmen, sondern mit aufzuraffen, um selbst Licht in der Welt zu sein. Aber es bleiben eben auch jede Menge Dinge, auf die sich sorgenvoll schaue. Wer weiß, was 2026 bringt? Es wird da viel Segensreiches geben, aber auch Düsteres.
Lasst euch nicht irreführen! Nicht von fremden Lehren und nicht von euren Ängsten. Denn Ängste sind schlechte Lehrer. Werdet nicht irre an all dem, was schwer auf euren Herzen liegt. Seht aber auf den, der mitten im Sturm der Anker ist. Bedingungslos. Tragend. Unvergänglich. Unerschütterlich. Hell leuchtend. Heilend.
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getöstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr…
AMEN.