»Von Riesen, roten Ampeln und flauen Gefühlen«

Nachricht Lister Matthäuskirche, 01. Februar 2026

Predigt zu Offenbarung 1,9-18 (Marco Müller)

Manchmal ist mir ganz flau im Magen. Das passierte mir als Kind schon … und es passiert nach wie vor. Ich kann’s nicht steuern. Ist auch eher unangenehm. Ich weiß nicht — vielleicht geht’s aus vom Solar Plexus, wo so viele Nervenenden zusammenlaufen, dass da eben auch all die Sorgen und Ängste ankommen; die Bilder und die Nachrichten; die Befürchtungen vor den Riesen, die mich umstellen; diese Gefühle, dass mir jemand im Nacken sitzt. Wisst ihr, was ich meine?

Man könnte das Ganze auch als dunkle Augenblicke beschreiben. Oder als Finsternis. Wenn du das Gefühl hast, wie durch ein finsteres Tal zu wandeln. Rechts und links finsterer Wald, dahinter die Hänge der Berge. Und hinter jeder Ecke könnte etwas lauern.
Ich weiß nicht, ob es jedem so geht. Vielleicht kennt nicht jede diese flauen Momente. Gott sei Dank erlebe ich sie nicht ununterbrochen. Gott sei Dank ist oft genug Licht da und manchmal stehe ich unter einem blauen Himmel im Winter-Wonderland. Aber eben nicht immer. Und dann ist da wieder dieser Druck und diese Ratlosigkeit und manchmal das Gefühl, zu Boden geworfen zu sein. Und ich weiß, ich bin nicht der einzige…

[Finn und die Riesen]

Der Lehrer hatte die Klausurzettel umgedreht auf die Tische gelegt, dann auf seine Uhr geschaut und bedrohlich ruhig in die Klasse geschaut: Wen ich beim Abschreiben erwische, gibt sofort ab. Ihr habt 45 Minuten Zeit. Auf geht’s… Es raschelte, alle drehten die beiden Zettel um. Finn überflog die Aufgaben. Und von Aufgabe zu Aufgabe stellte sich ein ungeheuerlich wirkender Riese um ihn herum auf. Neun waren es am Ende. Sie verzogen ihre Gesichter zu Grimassen und feixten. Er griff zum Bleistift und wollte loslegen. Aber der brach ab. Und die Zeit raste. Und die Riesen trommelten mit ihren dicken, klobigen Fingern auf den Schwertern, die sie gezückt hatten. Und als Finn den Bleistift das dritte Mal angespitzt hatte, schnarrte die Stimme des Lehrers durch den Raum: So, die Hälfte ist um. Und Finn wurde flau im Magen. So war er heute Morgen schon aufgewacht. Und so würde es auch am nächsten Tag sein. Und er hasste das. Und er fürchtete sich, weil er nicht wusste, ob das jemals enden würde … und ob die Riesen jemals verschwinden würden … und er stellte sich vor, wie sie die scharfen Klingen erhoben … und … und da brach er wie tot vor ihnen zusammen.

[Die Frau an der roten Ampel]

Neulich bin ich ihr wieder begegnet. Dieser Dame, die mir erzählt hatte von der Angst, die sie vor ihrer Arbeit hat. Vor dem Chef, wie er ihr über die Schulter schaute und so scheinheilig bemüht tat. Vor den jüngeren Kolleg*innen, die alles so viel schneller konnten. Und vor den Älteren, die irgendwie Schritt gehalten hatten. Sie alle pflegten sich um sie herum aufzustellen. Sie bauten sich geradezu auf, schoben die Brust raus und hoben das Kinn und dann schüttelten sie ganz langsam die Köpfe.

Neulich war ich ihr also wieder begegnen. Sie stand an der Ampel und wartete darauf, dass es endlich grün wurde. Aber die Ampel zeigte rot. Sie wartete nervös. Und dann sprang die Ampel um auf gelb. Und als sie gerade losgehen wollte, kam wieder rot. Und so ging es in einem fort. Und siehe, ein Lachen war zu hören. Hässlich und ekelhaft. Und eine Horn erklang und es kündigte eine neue Grünphase an. Aber wieder kam nach gelb das bekannte Rot und plötzlich standen da all ihre Kolleg*innen und spielten Vier gewinnt mit roten und gelben Steinchen. Und sie lachten. Und es gab ein großes Echo. Und so sackte zu Boden wie tot.

[Ich sehne mich]

Ich sehne mich.

Danach, dass das aufhört, dieses flaue Gefühl, das so unangenehm an mir zerrt.
Ich sehne mich nach einem Licht, das das Dunkle erhellt. Und das die Angst vertreibt und die Sorgen und die roten Ampelphasen auch.

Ich sehne mich.

Nach einer Hand, die sich behutsam auf meine Schulter legt und sagt: nun mach ganz ruhig.
Nach einer Stimme, die mir sagt: das alles hier ist gar nicht wichtig. Ich bin wichtig. Ich und du.
Und dann lachen wir gemeinsam. Über die Klassenarbeiten und über die Kollegen und Chefs. Und über all die, kleinlichen Hiebe und Stiche und Verletztheiten im Alltag, die mir so peinlich sind, aber gegen die ich kein Mittel finde, über die lachen wir auch. Ein warmes und sympathisches Lachen.

Und ich frage mich: Vielleicht muss ich all das erleben, um zu verstehen, was Sehnsucht heißt!? Kann es sein, dass das so ist? Dass  wir – so wie Paulus schreibt – täglich etwas am eigenen Leib erleben müssen von dem Sterben, das Jesus erlitten hat? Damit unser Leib das Leben zeigen kann, zu dem Jesus auferstanden ist? Damit Sehnsucht eine Richtung findet. Wie eine Kompassnadel. Eine Richtung…

[Johannes sieht und erkennt:
Offenbarung 1,9-18]

Nun hört, wie es geschrieben steht im Buch der Offenbarung. Wie dort einer schreibt:

Ich, Johannes, euer Bruder, habe das Wort Gottes verkündet und bin als Zeuge für Jesus aufgetreten. Deswegen bin ich auf die Insel Patmos verbannt worden. Wegen Jesus bin ich mit euch zusammen in Bedrängnis.

Aber wegen Jesus habe ich mit euch auch Anteil am Reich Gottes und bleibe standhaft im Glauben.

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Und ich hörte eine mächtige Stimme hinter mir, die war laut wie eine Trompete.

Die Stimme sagte: »Schreib in ein Buch, was du siehst, und schick es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus, Smyrna, Pergamon und Thyatira, sowie nach Sardes, Philadelphia und Laodizea!«

Ich drehte mich um, um zu sehen, wessen Stimme da mit mir redete. Und als ich mich umdrehte, sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden, der aussah wie ein Menschensohn.
Er hatte ein langes Gewand an und trug
ein goldenes Band um die Brust. Sein Kopf und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, ja wie Schnee. Seine Augen glichen lodernden Flammen. Seine Füße glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht. Seine Stimme klang wie das Tosen von Wassermassen.

In seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein doppelschneidiges, scharfes Schwert.
Sein Gesicht leuchtete so hell wie die Sonne zur Mittagszeit.

Als ich ihn sah, brach ich wie tot vor ihm zusammen. Er legte seine rechte Hand auf mich und sagte:

»Fürchte dich nicht!
Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige.
Ich war tot, doch schau her:
Ich lebe für immer und ewig,
und ich habe die Schlüssel zum Tod
und zum Totenreich.«

[Flaue Augenblicke der anderen Art]

Manchmal ist mir, tja, flau im Magen. Das passierte mir als Kind schon … und es passiert nach wie vor. Aber nicht immer ist das unangenehm. Manchmal ereignet es sich, dass ich spüre, wie sich Antworten fügen. Und wie sie zu meinen Antworten werden. Zu freundlichen Worten, gesprochen von warmer, sympathischer Stimme. Zu Zuspruch nur für mich, so unwahrscheinlich es auch klingt.

Ich sehne mich danach und ­– wahrlich – ich wünschte, ich fände sie häufiger, diese Augenblicke. Ich sähe häufiger das Licht, das lange Gewand und den Kopf und die weißen Haare wie Schnee. Und die goldenen Füße. (Die in Wahrheit ja voller Schwielen waren, weil Jesus nicht müde geworden war, jeden und wirklich jede zu suchen und zu finden, die so sehnsuchtsvoll in die Welt schauten…)

Es sind Wunder-Momente. Unwahrschein-liche Spuren Gottes. Heilsame Melodien. Therapeutische Lichtreflexe, die denen, die sich »wie tot« fühlen, eine wahre Geschichte erzählen:

Wie sich dir eine Hand auf die Schulter legt und dir sagt:

»Fürchte dich nicht!
Ich bin der erste und der Letzte…«

[Dieser Tod soll nicht mehr sein]

Wisst Ihr, diese Augenblicke sind es, die mir Mut geben zu glauben. Daran, dass ein Kraut gewachsen ist gegen die ungeheuren Riesen mit ihren grimmigen Grimassen. Es sind diese Erfahrungen, diese heilsamen Melodien und Wunder-Momente, die mich unverzagt vertrauen lassen, dass nicht das hässliche und ekelhafte Lachen sich durchsetzen wird, sondern der helle Klang von Trompeten und Posaunen. Und auf einmal, wenn ich so drüber nachdenke, gewinne ich sogar einem Predigttext wie den heutigen aus der Offenbarung lieb. Und ich beginne die apokalyptische Sprache wertzuschätzen. Weil sie ja auch nur versucht, meinen inneren Ungeheuern, Drachen und Biestern eine Welt entgegenzusetzen. Eine Welt aus Licht und Leuchten und Sternen und Gold.

Und wenn mir das zu abgefahren wird, dann kratze ich eben das Blattgold von Jesu Füßen und erinnere mich daran, wie er so völlig selbstverständlich seine Füße schmutzig gemacht hat im Staub Galiläas:
Gottes Sohn. Weil niemand sonst all den Finns und Annas und all den anderen die rechte Hand so auflegen konnte … Weil sonst niemand imstande war, den Frauen und Männern vor den roten Ampeln die Augen öffnen:

»Fürchte dich nicht!
Ich bin der Erste und der Letzte
und der Lebendige.
Ich war tot, doch schau her:
Ich lebe für immer und ewig,
und ich habe die Schlüssel zum Tod
und zum Totenreich.«

Gottes Sohn. Er rasselte mit der Kette, an der der Schlüssel hingt. Und die ungeheuerlichen Riesen fingen an zu zittern und zu beben. Und er tut es bis heute:

Jesus schließt auf die Verließe und die Zellen, in denen die Menschen sich so gern gegenseitig einschließen. Und er sagt:

Dieser Tod soll nicht mehr sein!

Nun komm!

 

AMEN

Pastor Marco Müller