»Mehr als ein Kuchendiagramm«

Nachricht 01. April 2026

Letzten Monat war ich auf einer Fortbildung mit verschiedenen Workshops. In einem Workshop zum Thema Mental Health wurde uns der Begriff der
Work-Domain-Balance erklärt. Dieses Modell beschreibt anders als die herkömmliche Work-Life-Balance nicht nur die Bereiche Arbeit und Freizeit, sondern alle Lebensbereiche, die dazugehören. Neben der Arbeit sind das bei mir zum Beispiel Sport, Freund:innen, Partnerschaft, Familie und mein Hund. Also male ich mir ein Kuchendiagramm und überlege, welcher Bereich wie viel Prozent meines Lebens einnimmt. Eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben soll man haben, damit die Balance stimmt. Aber geht das in meinem Beruf überhaupt? Ich habe das Glück, meinen Hund fast überall mit hinnehmen zu können, also gehört sie irgendwie auch zu meinem Arbeitsleben. Durch mein Studium habe ich Kolleg:innen, die zugleich meine Freund:innen sind. Wenn wir auf Sommerfreizeit fahren, ist das Arbeit, aber eben auch gemeinsame Zeit mit Freund:innen. Meine Familie kommt an Heiligabend immer zum Gottesdienst nach Hannover. Eigentlich ist das Arbeit, aber es ist eben auch gemeinsames Feiern. Und wenn ich mich mit meiner ehemaligen Person im Anerkennungsjahr treffe, die inzwischen selbst Diakonin ist, und wir bei einem Kaffee über ihre neue Stelle und meine Aufgaben sprechen, ist das dann Arbeitszeit oder Privatleben? Während ich noch über all diese Fragen nachdenke, sehe ich auf und merke, dass alle anderen längst fertig sind. Mehr oder weniger zufriedene Gesichter schauen nach vorn. Und dann sagt der Dozent, wir sollen das Blatt umdrehen und auf der Rückseite aufmalen, wie wir es uns wünschen würden Na super, denke ich, dieselben Fragen noch einmal.

Mitten in diese Gedanken hinein kommt mir eine andere Frage: Wie wäre eigentlich Gottes Diagramm für mein Leben? Würde Gott sauber trennen zwischen geistlich und weltlich, zwischen Dienst und Privatleben, zwischen Arbeit und Beziehung? Oder würde sein Bild ganz anders aussehen? Im Kolosserbrief heißt es: Alles, was ihr tut, das tut von Herzen. Da steht nicht: Alles, was ihr im Gottesdienst tut. Da steht: alles. Arbeit, Gespräche, Freizeit, Organisation, Begegnungen. Vielleicht ist Gott in meinem Lebensdiagramm gar kein eigenes Kuchenstück. Vielleicht steht er nicht neben Arbeit, Familie, Freundschaft und Freizeit. Vielleicht durchzieht er alles. Vielleicht geht es nicht darum, Gott einen bestimmten Prozentsatz zuzuweisen, sondern darum, mein ganzes Leben unter seine Gegenwart zu stellen. Und so male ich mein Wunsch-Diagramm noch einmal, diesmal mit einer anderen Frage: Nicht: Wie trenne ich alles sauber? Sondern: Wo braucht es Grenzen, damit ich gesund bleibe – und wo darf ich dankbar staunen, dass mein Leben sich so sehr verweben darf? Vielleicht ist geistliche Balance weniger eine mathematische Aufgabe – und mehr ein Vertrauen darauf, dass Gott mitten in all meinen Lebensbereichen gegenwärtig ist. In Arbeit und Freizeit. Im Gottesdienst und beim Kaffeetrinken. In Verantwortung und Freundschaft. Und vielleicht lächelt Gott, wenn wir versuchen, das Leben in Prozent aufz teilen – während er es doch längst als Ganzes in seinen Händen hält.

Amen.

Diakonin Tessa Groß