»Kintsugi« heißt die japanische Kunst, zerbrochene Keramik zu heilen. Aus zerbrochenen Tassen wird wieder getrunken und zerbrochene Krüge können wieder Wasser fassen. Zu kaufen gibt es auch bei uns »Kintsugi Repair-Sets« mit allem, was es braucht: Einzelne Scherben werden mit so genanntem Urushi-Lack geklebt und sollte eine Scherbe fehlen oder kleine Splitter der Keramik unwiederbringlich verloren sein, so werden diese Lücken in mehreren Schichten mit einer Urushi-Kittmasse aufgefüllt. Die entstehenden Werkstücke sind faszinierend anzuschauen. Von goldfarbenen Adern werden sie durchzogen. Sie lassen erkennen, dass sie gelitten haben, aber ebenso, dass sie heil geworden sind; dass man wieder mit ihnen wieder rechnen kann; dass das Zerbrechen nicht das Ende von Sinn und Schönheit bedeuten müssen.
Mich fasziniert diese Idee. Einerseits aus Gründen der Nachhaltigkeit. Ich mag es, dem allgemeinen Trend zum Wegwerfen entschieden etwas entgegenzusetzen — egal ob mit unserer »Tauschbude« neben der Kirche oder mit den Bücherschränken der Stadt am Straßenrand. Noch tiefer aber bewegt mich die Idee, dass »Kintsugi« ein Gleichnis für das Leben selbst ist. Denn zu meinem Leben gehört die Erfahrung, dass Wertvolles zerbrechen kann. Manchmal geschieht das aus Unachtsamkeit, weil man viel zu spät darauf aufmerksam geworden ist, wie fragil manches ist. Manchmal liegt es auch nicht in den eigenen Händen und dennoch schmerzt es furchtbar. Beziehungen und Freundschaften können zerbrechen; Vertrauen kann zerbröseln; und auch die eigene Gesundheit ist manchmal arg angeschlagen, manches ist gar abgeschlagen. Der eigene Glaube ist in manchen Augenblicken nur noch bruchstückhaft da. Auch Hoffnung kann zerbrechen. Und manchmal dämmert es einem, wie fragmentarisch man sein Versprechen einlöst einander zu lieben. Wäre es nicht gut zu hören und zu sehen, dass nicht alles verloren ist, wo etwas zerbricht!?
»Siehe, ich mache alles neu«, ist die Jahreslosung für das Jahr 2026. Sie steht inmitten der visionären Verheißungen des letzten Buches der Bibel. Was dort in frohen Farben gemalt wird, hört sich für manch einen wie ein Vertrösten auf die Zukunft an. „Typisch Kirche“, wird manch eine sagen. In Wahrheit aber ist es mehr! Denn mit diesem Satz, der seinerzeit entmutigten und bedrohten Menschen gesagt wurde, wird ein Licht angezündet. Es leuchtet ins Leben hinein und erzählt davon, dass Gott heilen kann, was unwiederbringlich verloren scheint: Glaube, Hoffnung, Liebe; Frieden und Gerechtigkeit; Glück und Gesundheit. Ich halte heute womöglich nur noch Scherben in meinen Händen; Tränen rinnen mir über die Wangen. Sie tropfen auf das Zerbrochene. Aber diese Scherben sind wertvoll! Zerbrechen ist nicht das Ende von Sinn und Schönheit. Mit goldfarbener Zuneigung kann Gott Neues aus den Scherben machen. Und Gott will das tun.
Marco Müller